Sonntag, 28. Februar 2010

Tote Religiosität

‚Warum fasten wir, und du siehst es nicht? Warum demütigen wir uns, und du merkst es nicht einmal?' - Seht doch, was ihr an euren Fastentagen tut! Ihr geht euren Geschäften nach und beutet eure Arbeiter aus. Ihr fastet zwar, aber gleichzeitig zankt und streitet ihr euch und schlagt gleich mit gottloser Faust zu. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Soll das vielleicht ein Fasttag sein, der mir gefällt, der Tag, an dem ein Mensch sich wirklich beugt, dass er den Kopf wie eine Binse hängen lässt, sich den Trauersack anzieht und sich in die Asche setzt? Nennst du das ein Fasten, soll das ein Tag sein, der Jahwe gut gefällt?

Nein, ein Fasten, das mir gefällt, ist so: Löst die Fesseln der Ungerechtigkeit, knotet die Jochstricke auf, gebt Misshandelten die Freiheit, schafft jede Art von Unterdrückung ab! Ladet Hungernde an euren Tisch, nehmt Obdachlose bei euch auf! Wenn du jemand halbnackt und zerlumpt herumlaufen siehst, dann gib ihm etwas anzuziehen! Hilf dem in deinem Volk, der deine Hilfe braucht! Dann strahlt dein Licht wie die Morgenröte auf, und deine Wunden heilen schnell. Dann zieht die Gerechtigkeit vor dir her, und die Herrlichkeit Jahwes wird deine Nachhut sein. Wenn du dann zu Jahwe rufst, wird er dir Antwort geben; wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: ‚Ja, hier bin ich!' Wenn du aufhörst, andere zu unterdrücken, nicht verächtlich mit dem Finger zeigst und niemand mehr verleumdest, wenn du Hungernden das gibst, wonach du selbst Verlangen hast, und so einen Darbenden satt machst, dann strahlt dein Licht in der Finsternis auf, die Nacht um dich wird wie der helle Tag, dann wird Jahwe dich immer führen - auch im dürren Land macht er dich satt, gibt dir die nötige Kraft -, dann wirst du wie ein Garten sein, der immer genug Wasser hat, und wie eine Quelle, die niemals versiegt. – Jesaja 58, 3-11 NeÜ

Einmal mehr wird hier deutlich, wie sehr Gott inhaltsleere religiöse Rituale verabscheut. Diese Passage war Teil unserer gestrigen Bibelarbeit, und heute morgen vor dem Frühstück lasen wir in unserem „Leben ist mehr“-Kalenderbuch den folgenden Text, der sich mit dem lieblosen Herunterleiern von Gebeten beschäftigt:

»Unser Vater, der du bist im Himmel«, murmelt Herr Quengelmann, während er schaut, wer alles da ist. Sein Blick wandert über die Trauergemeinde, bleibt am Hut von Schulfreundin Berta hängen, mustert dann die Handtasche von Schwägerin Emilie und verfängt sich schließlich im Geäst einer Linde, wo ein Wildtaubenpärchen ihn daran erinnert, dass abends beim Rassetauben-Züchterverein noch etwas geboten wird. »Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden«, betet er weiter, während er überlegt, was er wohl anziehen wird. »Und führe uns nicht in Versuchung«, - er schaut verstohlen auf seine Uhr - »sondern erlöse uns von dem Bösen«. Ja, das Böse. Seufzend denkt er an seinen unausstehlichen Nachbarn. »... und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen«, sagt er mit besonderem Nachdruck, froh, dass es gleich was zu Trinken gibt.

»Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden«, hatte der Herr Jesus Christus seine Jünger gelehrt, bevor er ihnen das, was man »Vaterunser« nennt, aufsagte. Es war nicht als liturgische Litanei gedacht, sondern sollte ein Mustergebet, so etwas wie eine Prioritätenliste, sein. So sollen zum Beispiel Anbetung und Ehrfurcht vor Gott Vorrang vor unseren persönlichen Anliegen haben. - Ob Herrn Quengelmann bewusst ist, was er da routinemäßig abspult? »Vater«, so nennt er Gott. Die Bibel sagt uns, dass wir erst durch eine geistliche Neugeburt, nämlich durch den Glauben an den Erlöser Jesus Christus, zu Kindern Gottes werden. Dann erst sind wir wahre, Gott wohlgefällige Anbeter. Überlassen wir das Schlusswort Martin Luther: »Das Vaterunser ist der größte Märtyrer, weil es so viel gedankenlos gebetet wird.« - Johann Fay

Leider erlebt man in vielen Kirchen genau das – man hält an Traditionen fest, deren Sinn einem entfallen ist, und statt gläubig zu sein ist man religiös. Im schlimmsten Fall bildet man sich ein, damit Gott zu gefallen oder sich gar das Heil „erarbeiten“ zu können, nach dem Motto „wenn ich getauft bin und immer schön mitmache, kann mir nichts passieren“. Natürlich sind auch gute Werke, wie sie in dem Jesaja-Text aufgeführt sind, nicht dazu geeignet, uns näher an den Himmel zu bringen. Sie sollten vielmehr selbstverständlich für gläubige Christen sein, während religiöse „Übungen“ ohne Inhalt letztlich eine Beleidigung Gottes sind.